Vipassana - Der Tag in einem buddhistischen Kloster



Ich durfte fünf Tage in einem buddhistischen Kloster im obersten Norden Thailands verbringen nahe der Grenze zu Myanmar. 
Vorab: Eine zentrale Sache, die man beherzigen sollte, bevor man hierherkommt ist, das eigene Ego zuhause zu lassen und sich für die kurze Zeit des Aufenthalts ganz der Erfahrung und dem Leben hier zu verschreiben. Das Ego möchte bewerten. Hier geht es aber nicht um Bewertung, sondern speziell bei Vipassana darum zum Beobachter der eigenen Gedanken und Gefühle sowie des Geistes zu werden. Es geht darum auf eine Reise zu gehen, um sich selbst - das wahre Ich - zu finden bzw. sich besser kennenzulernen und sich abseits davon in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen, der man temporär angehört. Das beinhaltet auch Dinge, die hier üblich sind, nicht zu hinterfragen oder zu bewerten, sondern den Gepflogenheiten des Klosters vorurteilsfrei und respektvoll Folge zu leisten, mitzuarbeiten und die Regeln, ungeachtet der eigenen Ansichten (Ego!) zu akzeptieren. Falscher Stolz, Eitelkeit oder vorgetäuschte Stärke sind ebenfalls Fehl am Platz, Schwäche zu empfinden und zu zeigen ist an diesem Ort üblich und sogar erwünscht, da man sich weit außerhalb der eigenen Komfortzone bewegt und Vipassana tief in das Innere hineinreicht. Hier darf jeder sein, verletzlich und offen. Ich habe mich dazu entschlossen, für die Dauer meines Aufenthalts nicht zu sprechen und auch meine Mobiltelefon auszuschalten, was ich im Nachhinein dringend empfehlen würde, um sich ganz auf die Erfahrung mit sich selbst - ungeachtet der äußeren Reize - einlassen zu können.

Die Skizze eines Tages im Kloster mit Vipassana-Meditation

5:00 Uhr: Der Tag beginnt. Aufstehen, Zähne putzen und Anziehen. Alle Besucher haben bei ihrer Ankunft weiße Kleidung bekommen. Dann eine Stunde Selbst-Meditation auf dem Zimmer. Da es in meinem Dorm morgens etwas hektisch zugeht, gehe ich hierfür zum nahegelegenen See und genieße die Ruhe und Abgeschiedenheit dieses Ortes.

06:00-06:20 Uhr: Einfinden in der Dhamma Hall und im angrenzenden Speisesaal.

06:30 Uhr: "Give rice to the monks". Dieses Ritual wiederholt sich jeden Morgen. Die hier im Kloster lebenden Mönche dürfen nur das essen, was ihnen gegeben wird. Daher finden sich all morgendlich alle Besucher in der großen Dhamma Hall zusammen. Männer und Frauen knien hierbei in separaten Reihen, jeder hat eine Schale mit Reis in den Händen und gibt den den vorbeigehenden Mönchen mit einer Verbeugung Reis in deren mitgebrachte Schüsseln.

07:00 Uhr: Frühstück. Es gibt Reis mit einer vegetarischen Beilage. Außerdem ausgewähltes Obst, Gebäck, Kaffee, Tee und Kakao. Man kann sich nachschöpfen so viel man mag. Das Kloster operiert mit einem eigenen Reisfeld und einer Veggie-Farm selbstversorgend. Nur wenige Dinge werden von Außen bezogen.

08:00 Uhr: Morning-Chanting und Meditation Vipassana. Alle Besucher finden sich in der großen Gebets- und Meditationshalle genannt "Dhamma Hall" ein. Zunächst wird gesungen und gebetet und Buddha Respekt erwiesen. Im Anschluss begeben sich alle Teilnehmer (angeführt von den Mönchen, danach die Männer, dann die Frauen) zu einer einstündigen Gehmeditation in den wunderschönen Klostergarten. Hierbei wird geraten immerzu das Mantra "Pho Tha" zu verwenden, um in der Meditation andächtig und bewusst zu bleiben. Dieser Ausdruck ist dem rund 2600 Jahre alten vorwiegend als Literatursprache genutztem Pali entnommen, einer Sprache die auf Buddha zurückzuführen ist und heute fast ausschließlich in buddhistischen Lehren und Schriften genutzt wird. 
In der Gehmeditation geht es vor allem darum zur Ruhe zu kommen, den Geist zu entspannen und inneren Frieden zu finden.

09:30 Uhr: Meditation Vipassana. Im Anschluss an die Gehmeditation folgt rund eine Stunde Sitzmeditation in der Dhamma Hall. Hierbei wird zunächst der Körper komplett entspannt und in Ruhe versetzt. Das Beobachten wird von den äußeren Sinnen abgezogen und nach Innen gelenkt. Hier geht es nun darum, die Gefühle und Gedanken kommen und gehen zu lassen, sich nicht damit zu identifizieren, sondern sie lediglich zu beobachten und dabei im Hier und Jetzt, in der Gegenwart zu bleiben und inneren Frieden zu finden. Und es funktioniert: Gedanken, die mich noch während der Gehmeditation emotional beschäftigt haben, kommen und gehen, ohne dass ich mich gefühlsmäßig involviert sehe. Im Gegenteil ich nehme sie wahr und bleibe dabei friedlich teilnahmslos. Neue Gedanken kommen hinzu und ich bewerte nicht, dadurch halte ich den Zustand des friedlichen neutralen Beobachters aufrecht. Fast schon enttäuscht nehme ich das Ende der Meditation wahr. In diesem Zustand des inneren Friedens zu sein, ist ein blendendes Gefühl. Dinge, die mich noch vor einigen Minuten belastet oder mit einem dringlichen Gefühl erfüllt haben, sind plötzlich nur noch Dinge - meine Haltung zu ihnen ist neutral geworden. 

10:30 Uhr: "Give rice to the monks". Dieses Mal in etwas abgewandelter Form. Zunächst hält der älteste Mönch einen Vortrag zu Vipassana mit einer begleitenden Geschichte aus seinem Leben. Im Anschluss gehen die Mönche mit jeweils einem Besucher, die die Töpfe der Mönche tragen, in den angrenzenden Speisesaal, um den Mönchen das Essen zu offerieren. Die Mönche kehren in die Dhamma Hall zurück, um getrennt von uns zu Mittag zu essen.
Vipassana ist die Kunst zur "mindfulness" (wie er es nennt) zu gelangen, sprich zur Kontrolle des Geistes, zur inneren Balance ungeachtet der äußeren Umstände. Vipassana kann dabei helfen, diese innere Balance aufzubauen und zu behalten, damit Dinge, die in der Welt um uns herum zwangsläufig geschehen, keinen so starken Einfluss auf unser inneres Wohlgefühl haben. Es hilft dabei, die Dinge zu sehen, wie sie sind und nicht wie wir sie in unserer emotionalen Beteiligung bisweilen übersteigert wahrnehmen.

11:15 Uhr: Mittagessen. Dies ist gleichzeitig die letzte Mahlzeit des Tags. Es gibt wiederum Reis mit vegetarischer Beilage, jedoch mehr Auswahl als beim Frühstück. Danach ist Mittagspause. Wann immer Zeit ist oder man sieht, dass beispielsweise etwas aufgefüllt werden sollte, hilft man eigenverantwortlich mit. Die Gemeinschaft hat nur Freiwillige, keine Angestellten und versorgt sich wie bereits erwähnt selbst. Daher gehört es dazu, dass jeder sein Geschirr selbst zur Waschstation bringt und spült sowie selbst für Sauberkeit und Ordnung im Kloster und im Schlafsaal verantwortlich ist.

12:50 Uhr: Mittagsmeditation Vipassana. Die Mittagsmeditation besteht aus drei Teilen. Zunächst die Gehmeditation hoch hinauf in die Berge rundum das Kloster (Dauer ca. 1 Stunde). Die Mönche gehen voraus, gefolgt von den Männern und den Frauen. Die Berglandschaft ist mit ihren eingelassenen Pfaden traumhaftschön. Zurück in der Gebetshalle folgen ca. 45 Minuten Sitzmeditation ("free your mind"). Den Abschluss bildet eine 30 minütige Meditation im Liegen. Hierbei ist es tatsächlich schwierig nicht einzuschlafen. Jeden Mittag gibt es einen oder eine, die geweckt werden muss. Danach noch ein kurzes Gebet und Respektsbekundungen zu Buddha.

ca. 15:20 Uhr: PAUSE

16:00-17:00 Uhr: Reinigen der Tempelanlage. Unaufgefordert packen alle mit an. Laub fegen, Wege kehren, Halle fegen, Schlafsäle präparieren, den Mönchen helfen.

17:00-18:00: Freie Zeit. In dieser Stunde sitze ich meist am See und schreibe oder besteige den Berg und meditiere in einer der Meditationshöhlen.

18:00-19:45: Evening Chanting und Meditation Vipassana. Ca. eine Stunde werden gemeinsam mit den Mönchen Verse aus dem Gebetsbuch des Klosters gesungen, die als Gebet zu Buddha zu verstehen sind. Danach folgt dann nochmals eine Sitzmeditation (rund 30-45 Minuten). Abschließend erneut die Respektsbekundungen zu Buddha und eine kurze Ansprache eines Mönchs, in welcher er eine gute Nacht wünscht und die im Laufe des Tages Neuangekommenen zum morgigen Ablauf informiert. Danach Tee, Kaffee und Kakao im Speisesaal. 

20:00-21:00 Uhr: Selbstmeditation Vipassana. Im Schlafsaal oder einem anderen Ort des Klostergeländes, bspw. am See. In den Wald sollte man zu dieser späten Stunde selbstverständlich nicht gehen, da allerlei Getier auf einen warten könnte.

21:00 Uhr: Licht aus und Bettruhe. Geschlafen wird auf dem Boden auf einer sehr dünnen Matt. In der Nacht kann es ziemlich kalt werden, daher ist es von Vorteil lange Klamotten und eine zusätzliche Decke für sich selbst mitzubringen.



"Vergib dir selbst alles, was du je getan hast. Vergib dir selbst alles, was du jemals tun wirst. Befrei deinen Geist von der Fessel des Denkens, dann wirst du inneren Frieden finden."
(ein Gedanke, der mir während einer Vipassana Session gekommen ist)




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ankunft in Phuket

Nachtrag: Nightlife auf Kho Phi Phi