Tag 59 - A day in Chiang Mai (Nordthailand)




Bereits am Beginn jedes Tages begegne ich dem Leben mit der öffnenden Einladung, mich an diesem neuen Tag mit all seiner Fülle, seiner Liebe und seiner Freude zu überraschen und mache mich dadurch frei von Sorgen und empfänglich für die Geschenke des Universums. Als ich das auch am Morgen meiner Ankunft in Chiang Mai tue, ahne ich noch nicht, was der Tag für mich bereithalten wird. Ohne Plan oder Route lasse ich mein Handy in der Tasche und laufe los ...

Auf halber Strecke eine geschwungene Straße entlang sehe ich über den Dächern der Häuser auf der linken Seite eine großes Gebilde emporragen, was eindeutig zu einer Tempelanlage gehören muss. Ohne es zu wissen bin ich geradewegs auf einer der größeren dieser Gattung in Chiang Mai zugesteuert. 50 Baht (ca. 1,35 €) später darf ich den gewaltigen Innenhof mitsamt den verschiedenen Komplexen begutachten. Zu meinem großen Glück sind außer mir nur eine Handvoll Menschen hier. Neben einigen kleineren Gebäuden, die allesamt mit goldenem Prunk im Inneren geschmückt sind findet sich im Zentrum ein gewaltiges, quadratisches Monument asiatischer Baukunst wieder, dessen Gemäuer hoch in den Himmel ragen. Als ich meinen Blick davon abwende und in den hintersten Teil des Hofes steuere, finde ich mich inmitten von in orangefarbene Kutten gekleideten, Mönchen wieder, die gerade ihre Gebetshalle verlassen. Ein wenig perplex verbeuge ich mich mit der Wai-Geste und stoße auf lächelnde Gesichter. Eine schöne Erfahrung diese kleine Geste der gegenseitigen Wertschätzung solch verschieden lebender Menschen.



Gegen Frühabend sitze ich nach einem bereichernden Tag sitze in Chiang Mai inmitten eines belebten Platzes in der Innenstadt. Trotz der skatenden Teenager um mich herum, der brummenden Tuk-Tuks, der umherfahrenden Roller und dem Schnattern der vorbeischlendernden Passanten herrscht eine angenehme Ruhe. Gut und gerne hätte ich an diesem lebendigen Ort die Augen schließen und eine Meditation abhalten können und wäre von dem Treiben um mich herum nicht beeinflusst worden. Den all dem Leben hier wohnt keine Hektik inne, vielmehr Entspannung und Gelassenheit. Keiner bewegt sich hier schneller, als er muss. Keiner überquerte die Straße in unnötiger Eile bei einer roten Ampel. Die Menschen genießen sichtlich was sich um sie herum abspielt. Der Mix aus asiatischen und hie und da westlich-mediterranen Einflüssen macht die Architektur besonders abwechslungsreich. Dazwischen finden sich überall kleinere und vereinzelt größere Tempelanlagen. Auch vom Erscheinungsbild der Fassaden strahlt etwas Beruhigendes in die Straßen hinein, etwas Ruhe Spendendes, was die Seele einfach Seele sein lässt.
So sicher wie hier, habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ohne Orientierung oder die Hilfe elektronischer Mittel laufe ich durch die Gassen und entdecke immer wieder neue und zugleich Glück spendende Ausblicke. Alles wirkt beinahe zu harmonisch, zu vertraut, zu lieblich und auf unerklärliche Weise bekannt. Ich gewinne überhaupt nicht den Eindruck, dass ich mich in einer größeren Stadt samt Flughafen befinde. Es wirkt auf mich eher wie das Straßennetz einer großen Ferienanlage, in der jeden jeden zu kennen scheint. Keines der Gesichter die mir auf meinem Weg entgegenkommen macht einen bedrückten oder gar unglücklichen Eindruck.

Das charakterisierende Stadtbild verkörpern über dies die vielen kleinen Geschäfte, Salons, Bars, Cafés und Restaurants. An nahezu jeder Ecke wird man von einem bestuhlten Außenbereich erwartet, der von  sanfter Musik untermalt zum Verweilen einlädt. Vor allem die Vielseitigkeit der Bars und Cafés ist mir speziell in Thailand in dieser Art Varianz noch nicht untergekommen. Es hat beinahe etwas von einer italienischen oder spanischen mediterranen Kleinstadt, die  durch ihr Leben außerhalb geschlossener Räume definiert wird. Irischen Einfluss bekommt das Ganze durch die in beinahe jeder Lokalität stattfindende oder zumindest in Teilen angebotene Live-Musik.

So kommt es, dass ich gegen Abend eine entspannte, kaum befahrene Straße entlang schlendere, die auf beiden Seiten von eben solchen Lokalitäten gesäumt ist. Vor einer gänzlich offenen, großräumigen Bar hat sich mitten auf der Straße eine große Menschentraube versammelt. Beim Näherkommen erkenne beziehungsweise erlausche ich den Grund für die begeisterte Ansammlung. Im Innenbereich haben sich auf einer kleinen Bühne fünf Musiker zu einer vom Saxophon geleiteten Big-Band formiert und beschallen die Bar, den bestuhlten Außenbereich und die Straße mit herrlichen Klängen. Voller Dankbarkeit schlendere ich weiter begleitet von der stetig leiser werdenden Musik.

 "Wie kann es jetzt noch wunderbarer werden?" frage ich und freue mich auf alles, was mich an diesem Abend noch erwarten wird.

Ich biege um eine Ecke und stehe plötzlich vor einem Barbershop. Seit ich meine Reise vor nun bald zwei Monaten begonnen habe, war ich nicht bei einem Friseur gewesen. Ich hatte schon länger den Wunsch, meine Haare etwas wachsen zu lassen, doch fühlte ich mich zunehmend unwohl, mit dem was sich um meine Ohren und meinen Nacken entwickelt hatte. Ein Versuch diese Bereiche selbst etwas "cleaner" zu gestalten und dadurch gepflegter erscheinen zu lassen, scheiterte grandios an meinem dafür nicht ausgestatteten Rasierer. Hier wartet wohl die Antwort auf mein Gefühl. An der Außenseite des Shops hängen viele verschiedene Bilder mit offenbar berühmten Persönlichkeiten und nach einem kurzen netten Gespräch mit dem Inhaber soll es sich bei diesem Establishment wohl um eines der besten seiner Art in ganz Thailand handeln, soviel verrät zumindest auch die Historie von Auszeichnungen an den Wänden ringsherum. Ob nun der Beste oder nicht war mir sichtlich egal, der Salon kam genau zur rechten Zeit. Der Schnitt ist perfekt gelungen, da der versierte MA wirklich das tut, was ich möchte. Angenehm frei und erfrischt verlasse ich die nette Crew junger tätowierter Mitarbeiter und trete zurück ins Freie.

Letzte Nacht hatte ich einen seltsamen Traum, indem ich einen festen Entschluss gefasst habe, der auch nach dem Aufwachen wie eingemeißelt in meinem Verstand und meinem Herzen verankert war. Ich möchte mir ein ganz bestimmtes Tattoo stechen lassen, welches ein Symbol verkörpert, das für mich von größter Bedeutung ist. Warum ich das ausgerechnet jetzt stechen lassen möchte? Nun wenn man gelernt hat, zunehmend auf seine Intuition statt auf seinen Verstand zu hören, spürt man innerlich, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Diesen Gedanken in diesem Moment präsent zu haben, erblicke ich nach Verlassen des Barber-Shops direkt auf der gegenüberliegenden Seite ein blinkende Schild mit der Aufschrift "the best Tattoo Studio Chiang Mai". Da fällt mir augenblicklich mein Entschluss von letzter Nacht wieder ein. Schon wieder "the best", soso, schießt es mir durch den Kopf und ich schmunzele. Einige Augenblicke hadere ich mit mir, ob das nicht doch zu überstürzt ist, doch der kurze geistige Einwand des Verstandes, der stets das Bekannte liebt und das Unbekannte ablehnt, wird vom Herz übertroffen. Den Rest könnt ihr euch denken.

Das Leben hat heute wieder auf Wegen geliefert, von denen ich beim Aufstehen keine Ahnung hatte. Ohne feste Absichten habe ich mich treiben lassen und einen der schönsten Tage seit Langem erlebt. Letztlich spielt es eine untergeordnete Rolle, wie man es nennen mag: Universum, höheres Wesen, allwissende Macht oder Gott. Was zählt ist einzig, das ist etwas Höheres gibt, auf das wir Vertrauen und mit dessen Hilfe wir unser Leben selbst eigenverantwortlich gestalten können. Wir können auch diese Macht zugreifen, sie ist da, für jeden, und eröffnet uns unbeschränkte Möglichkeiten. Wichtig ist allein, dass wir lernen, sie richtig zu nutzen, anzuerkennen und mit ihr im Einklang zu leben, denn letztendlich ist sie nicht irgendwo da oben oder an einem fernen entlegenen Ort des Universums zu finden, sondern in uns selbst, in allem was existiert, in der ganzen Schöpfung, in jedem noch so winzigen Bestandteil davon. Überall ist diese Macht zu finden und lebt man im Klang mit ihr, so hat man das Leben wirklich verstanden. Dankbarkeit, Liebe, Glaube und Vorstellungskraft sind die Schlüssel zu ihrer Erschließung. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wie beruhigend es wirkt, auf sie vertrauen zu können, und dies überall, selbst hier am anderen Ende der Welt. 

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